Kraut im Ohr - der Wildkräuter Podcast von Wild Weib Web

Kraut im Ohr

– Folge 26 –
Kräuter Essay:
Der stolze Spitzwegerich

SHOWNOTES

Der Spitzwegerich ist der heimliche Herrscher am Wegesrand und ein Erste-Sahne-Erste Hilfe-Kraut. Du kannst ihn leicht erkennen und ihn hervorragend für die Hausapotheke nutzen. Dabei erzählt er uns noch spannende Geschichten, die bis weit in die Antike zurückreichen.

Was das Kraut alles im Gepäck hat, verrät Dir Mo in dieser Podcast-Folge, die endlich auch klärt, warum der Podcast “Kraut im Ohr” heißt.

FOLGENNOTIZEN

Hole den Spitzwegerich in deine Küche. Hier kommt ein spannendes Rezept für Ausprobierfreudige:

Rezept – Falsche Pilzpaste

Zutaten
2 Tassen fein gehackte Spitzwegerichblätter und junge Blütenstände
1 Tasse Sonnenblumenkerne
1 Kartoffel gerieben
½ Tasse Olivenöl
½ Tasse Wasser (Apfelsaft, Cidre)
½ Tasse Mehl (wer möchte: Linsenmehl)
½ Tasse Hefeflocken
etwas Apfelessig
Gewürze

Zubereitung
Alles vermengen und in einer hübschen Form im Ofen ca. 45 min backen.
aus: Christophe de Hody: Der Wildkräuter-Sammler. Essbare Pflanzen am Wegesrand. Knesebeck 2020.

Online Kurs

Melanie hat einen großartigen Online-Kräuterkurs im Angebot, in dem sie dem Spitzwegerich eine ganze Session widmet. Erkundige dich nach neuen Terminen.

Kraut im Ohr – Dein Wildkräuter Podcast

“Kraut im Ohr” gibt es weiter jeden Donnerstag neu. Empfiehl uns gern weiter, wenn dir der Mix aus Interviews, Tipps und Wohligem zum Kräuterthema gut gefällt. Wir freuen uns auf Deine “Gefolgschaft”.

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TRANSKRIPT

Kraut im Ohr - dein Wildkräuterpodcast

Es gibt Spitzmaulnashörner und Spitzmäuse, Spitzdrescher, Spitzer und jede Menge Spitzfindigkeiten. Und – es gibt den Spitzwegerich. Lanzettlich geformt, so beschreiben Kundige die markante Blattform und der oder die Unkundige lernt hier mutmaßlich ein neues Wort.

Erste Hilfe am Wegesrand

Wie Speerspitzen. Wie Speerspitzen bohren sich die Spitzwegerich-Blätter aus dem Boden. Stets in Rosettenform. Ein Kranz aus grünen Waffen gegen so allerlei. Denn der Spitzwegerich führt einen Kreuzzug. Er zieht ins Feld als Erste Sahne Erste Hilfe Kraut.

Wie kaum irgendwo sonst, zeigt sich hier, wie großartig das Zusammenspiel “Mensch und Pflanze” funktionieren könnte, würde der Mensch bloß die Sprache der Natur verstehen. Der Spitzwegerich folgt uns auf Schritt und Tritt, er ist der Fußstapfen des weißen Mannes, wie die Indianer sagten — und: er ist gewillt, uns zu helfen.

Zunächst direkt am Wegesrand. Schau auf das, was du mit Füßen trittst. Da liegt deine Hausapotheke. Ein Wegerichblatt lindert schwere Beine, Mückenstiche und wunde Stellen. Es ist ein wunderbares Wund-Pflaster und eine Wohltat gegen „blöde Füße“, wie man im Mittelalter zu sagen pflegte. So nannte man es Sohlenkraut.
“Ein Spitzwegerich ist schneller gefunden als ein Doktor”, weiß der Volksmund und – tut mal wieder Wahrheit kund.

Wohl dem, der sich also vorausschauend mit einer Papiertüte oder einem Schraubglas bei seinem Spaziergang ausgestattet hat, um die wertvollen Blätter vorsichtig zu pflücken. Mit dem berühmt-berüchtigten Doppelkorn, der alchemistischen Geheimzutat einer jeder Kräuterfrau, und 6 Wochen Zeit verwandeln sie sich in ein Gebräu, das lästigem Juckreiz zuverlässig zu Leibe rückt.

Alter Gefährte

Doch beginnen wir endlich von vorn. Vielleicht erinnerst du dich noch an den Zwerg Alberich in der Nibelungensage, an die Mittelalter-Könige aus dem Geschlecht der Salier mit Namen Heinrich oder den Westgotenfürst Alarich. Rich ist die Endung für König. Des Wegerichs Reich sind die Wege, er thront als Majestät über Kreuzungen und Pfade. Die Assyrer nutzten ihn als Arzneipflanze und Dioskurides wußte um die wertvolle Wirkung des Wegerich bei nässenden und eitrigen Wunden. Plinius und Hildegard von Bingen, natürlich, die Gute!, wiesen dem Erste-Hilfe-Kraut in ihren Kräuterbüchern einen Ehrenplatz zu.

Es gibt einen wunderbaren Heilspruch aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. Im Original auf Altenglisch, in seiner Wirkung neun heilige Heil-Kräuter beschreibend. Darunter -…:

Und du, Wegerich, der Kräuter Mutter,
nach Osten geöffnet, im Innern mächtig;
über dir knarrten Wagen, über dir weinten Frauen,
über dir schrieen Bräute, über dir schnaubten Stiere.
Allen hast du widerstanden, und dich widersetzt;
ebenso widerstehe dem Gift und der Ansteckung
und dem Übel, das über Land fährt.

Gerade fährt reichlich Übel über Land, daher lausche noch ein Weilchen weiter.

Auf des Wegerichs Spuren

Der Wegerich – und hier ist die ganze Pflanzenfamilie mit dem wohlklingenden Namen Plantago gemeint – ist Wegbegleiter für alle, die sich aufmachen. Und das waren in der Vergangenheit nicht wenige, die sich zu Fuß und mit Karren und Wagen über rumpelige Feldwege vorwärts bewegten. Die Zeit der Eisenbahn ist gute 150 Jahre alt, die des Automobils gerade mal 100. Und auch wenn eisenbeschlagene Räder über ihn fahren: Der Wegerich bleibt. Er bleibt uns treu, kämpft sich durch den verdichteten Boden an die Oberfläche, ungeachtet dessen, ob er geachtet wird.

Apropos Familie und Reisen. Die Plantagos gibt es auf der ganzen Welt, knapp 200 Arten. Ein Sack Flöhe, wie etwa auch der winzige, aber darmreinigende Flohsamen zu seinen Vettern gehört. Und Samen produziert er mehr als reichlich. Eine Pflanze allein 40.000. Alleine auf einer Wiese fühlt er sich wie die Made im Speck und für Bauern, die Heu machen wollen, vielleicht zu viel des Guten. Der Heuschelm, wie er im Alpenraum heißt, erfährt also nicht bei allen ungeteilte Zuneigung.

Doch dann und wann trafen und treffen die Müden und Beladenen auf den aufrechten Gesellen, der seine schmalen spitzen Blätter in den Himmel reckt und das Licht sucht, steht er doch gern im Schatten und mag nährstoffreiche und feuchte Böden. Er klettert sogar bis auf über 2000 Meter Höhe. Dem Himmel so nah und doch ganz erdverbunden.

Wie er wirkt

Wie wunderbar ist das Geheimnis, das in seinen spitz zulaufenden Blättern schlummert, die bis zu einer Armlänge lang werden können. Er pustet seinen heilsamen Atem auf feuerrote Blasen und legt seine Blätter sanft über einen fies juckenden Insektenstich oder: auf der anderen Seite der Erdkugel nimmt man ihn zum Beispiel zur Behandlung von Schlangenbissen.

Der Spitzwegerich begleitet uns bis in unser tiefstes Innerstes. Robust wie er ist, lässt er sich vielfach treten und tritt unerschrocken an, unsere Abwehr zu stärken. Ein Wegbegleiter in unsere Atemwege, denn er ist vollgepumpt mit Schleimstoffen, die uns das Abhusten erleichtern und den Hustenreiz lindern. Seine Blätter können wir in Honig tränken, eine Grube ausheben und drei Monate in einer Erdkammer reifen lassen und alle guten Geister aufnehmen lassen. Bestes Balsam für die Bronchien. Gut verträglich, auch für Kinder.
Seine Gerbstoffe wirken entzündungshemmend. Eindringlinge wie Bakterien haben es durch diese schlagkräftige Kombination so richtig schwer. Nicht zuletzt das Aucubin, das schon klingt wie ein Zauberspruch, wirkt als natürliches Antibiotikum. Ein Cocktail an Flavonoiden pusht unser Immunsystem zusätzlich.

Doch verraten uns seine Blätter schier noch mehr Unglaubliches. Wie viele Kinder ich bekomme, wie viele Männer ich liebe oder wie viele Sünden ich auf dem Kerbholz habe. Wie das? Dazu reiße ich beherzt ein Blatt auseinander und blicke erstaunt auf die ausgeprägten Blattnerven, die den Spitzwegerich so markant machen. Jedes Blatt hat drei bis sieben solcher fadenähnlichen Linien. Man könnte also recht viele Männer lieben, wenn es das Orakel gut mit einem meint.

Kein Wunder, dass Menschen glaubten, ihm wohnten magische Kräfte inne. Die Wurzeln grub man in der Zeit der Frauendreißiger aus. Die Frauendreißiger sind die kraftreichen 30 Tage von Mitte August bis Mitte September, wenn die Kräuterheilkraft im Zenit steht. Man bzw. Frau trug die Wurzel als Amulett gegen Fieber um den Hals. Auch Kindern mit krummen Beinen sollte er – schönere – Beine machen.

Küche und mehr

Als Blutreinigungsmittel kannst du ihn tageweise essen, bei Ohrenschmerzen mögen Unerschrockene seine Wurzel ins Ohr führen, vielleicht hilft es. Es ist jedenfalls eine namensgebende Idee für unseren Podcast “Kraut im Ohr”.

Oder du braust dir einen Tee, hilfreich bei Reizhusten und Heiserkeit oder Zahnfleischentzündungen. Nutze ihn auch als Mundspülung. In Kombination mit Gundermann und Salbei ein Garant für viel “Gesund im Mund”.

Und vielleicht hilft der Spitzwegerich sogar bei Liebeskummer. Räucherst du seine Blätter, mag sich auch der Trennungsschmerz in Luft auflösen. Und wenn das alles nicht klappt, dann hilft beides, das Räuchern und der Tee, um sich das Rauchen abzugewöhnen.

Wer sich mit feinen Fingern in Filigranem üben möchte, kann die Blätter auch auf ein Blatt aufbringen und ein Herbarium anlegen. Gerade der Spitzwegerich malt ein kongeniales Kunstwerk aufs Papier. Da züngeln sich die gerippten Pflanzenteile nach oben, ein grünes Feuerwerk voller Anmut.

Verwende ihn zumeist frisch, das Trockene ist nicht sein Metier. Du kannst ihn von Mai bis Oktober sammeln. Lade ihn an den Esstisch ein. Er dankt es dir mit der Nettigkeit an Mineralstoffen und Vitaminen im Essen, etwa im Smoothie oder in Salaten.
Und: als Überraschungsei. Tatsache, du erstaunst deine Gäste, wenn du eine köstliche Speise kredenzt, die vermeintlich mit Pilzen aromatisiert ist. Weit gefehlt. Du hast als Küchenhexe natürlich die Spitzwegerichknospen verwendet. Die dunklen Köpfchen krönen den kantigen Stängel der Blütenähre, die der Rosette entspringt. Und die schmeckt voll nach Champignons. Wie ein filigraner Strahlenkranz ragen sie aus den Wiesen, Gloriolen voller Lichtpunkte, kleine weiße Staubblätter umfangen vom Wind, der für die Bestäubung sorgt.

Ab ins Reich der Wegeriche

Nochmal, damit es das Kraut ins Ohr geht: Spitzwegerich hilft gegen Entzündungen und lindert den Husten. Er fördert die Wundheilung und kräftigt das Immunsystem. Er ist einfach spitze gegen Erkrankungen der Atemwege oder Hautreizungen. Das sagt selbst die Schulmedizin.

Und das Gute: Du kannst ihn nicht mit einem giftigen Gesellen verwechseln. Doch blicken wir zum Schluss noch auf seinen Bruder, den Breitwegerich:
Der sieht aus wie ein übergewichtiger Spitzwegerich, ist er doch im Blattwerk ziemlich in die Breite gegangen.

Sammle seine Samen im Sommer. Die lässt er ziemlich markant wie eine perlenbestickte Säule in den Himmel ragen. Sie wirken in der Speise wie Leinsamen und sind wie Flohsamen Fitness für die Verdauung. Ansonsten reicht er nicht ganz an die Kraft seines stolzen Bruders heran, lebt aber nicht weit von ihm im Reich der helfenden Kräuter und als Vasall des großen Herrschers über die Wege. Reich an Saft und Kraft.

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