“Sie beißt und sticht ganz schauderhaft, doch hat sie auch geheime Kraft”. Kaum ein Kraut, dass selbst Laien unverwechselbar erkennen. Und mißachten. Zu Unrecht, wie sich herausstellt. Die Brennnessel ist die große alte Dame in Böschungen und auf Baumscheiben.
Wohl dem, der ihre Heilkräfte zu schätzen weiß, wohl dem, der im Supermarkt den Spinat zugunsten der brennenden Pflanzenschwester nunmehr links linken lässt.
Mach dich aber auch auf einen Ritt durch die Kulturgeschichte gefasst. Wir wünschen launige Unterhaltung.
Es gibt zwei großartige Brennnessel-Monografien, die wir hier zur weiteren Vertiefung empfehlen können. Ganz frisch erschienen ist:
Wunderschön aufgemacht und hervorragend recherchiert – ein üppiges Handbuch, fantastisch zusammengestellt von einer großartigen Grafikerin, Buchautorin, Kräuterpraktikerin und Naturkünstlerin.
Eine enorm gut erzählte Reise durch die gesamte Kulturgeschichte der Brennnessel. Ludwig Fischer, geboren 1939 in Leipzig, war Professor für Neuere deutsche Literatur und Medienkultur an der Universität Hamburg. Er ist Landschafts- und Naturtheoretiker, Schriftsteller, Gärtner, Kräuterexperte. Echt mal eine Geschenkidee!
Und klar: Melanie hat natürlich ein zauberhaftes Rezept für dich parat, das gerade jetzt im Herbst dein Immunsystem mit Mega-Kräften ausstaffiert.
Und wer wissen möchte, wie die Brennnessel generell im Verbund nachhaltiger Nahrung unterwegs ist, möge einen Blick in Mo`s Buch “Die klimafreundliche Küche” werfen.
Wer nun in brennender Liebe zu uns oder der Brennnessel entflammt ist, schreibe uns gern und gebe uns ein Feedback: info@wildweibweb.de.
Kaum jemand, der nicht mit ihren brennenden Haare in Berührung gekommt ist. Kaum jemand, der nicht jammernd im Straßengraben seine Waden rieb und das Höllenkraut verfluchte. Kaum jemand, der je in brennender Liebe zu ihr entflammt. Die Brennnessel ist das Aschenputtel am Wegesrand. Allenfalls mit spitzen Fingern und äußerster Vorsicht nähern wir ihr uns im größten Notfall, mißachten sie und – mißverstehen sie.
Denn sie ist die große alte Dame der Wiesen, die Lady im Stadtgarten. Stolz und aufrecht. Sie steht für das, was sie ist. Sie hat ein klares Wesen, das sich auch wenig sensiblen Zeitgenossen in die Haut graviert. Wer sie etwa in Rauch aufgehen lässt, wer sich dem Zauber der Transformation eines Pflanzenwesens in Luft hingibt, erlebt neue Energie. Denn ja:
Sie brennt und sticht ganz schauderhaft, doch hat sie auch geheime Kraft.
Widmen wir uns ihren verborgenen Qualitäten, machen wir eine Spritztour ins Grüne. Lassen wir ihre Brennhaare in unsere Herzen bohren, tätowieren wir uns ihren geheimen Zauber unter die Haut. Wir werden nicht enttäuscht werden.
Beginnen wir in Dreiteufelsnamen mit dem Naheliegenden. Dem, was weh tut. Dem Schmerz, der auf die Berührung folgt. Brennnesseln sind gespickt mit spitzen Waffen, Mini-Spritzen, die eine heftige Kombi aus Ameisensäure, Histamin und Acetylcholin beinhalten. Sie scheut sie nicht, jedem, der sich ihr auf unfreundliche Art nähert, in die Finger, Hände, Arme oder Beine zu rammen. Da kennt sie nichts – weil wir sie nicht kennen. Wer weiß schon, dass es keine andere Pflanze gibt, die Ameisensäure verwendet. Sicher, das ist eine ollen Juckreiz und Brennen hervorrufende chemische Verbindung, aber hört genau hin. Ameisen.
Das sind Tiere, Insekten. Die Brennnnessel sprengt die Grenzen der botanischen Weltordnung. Sie greift im Zauberkasten der Natur in eine andere Schublade und zieht neue Register. Nicht durchweg zu unserem Wohlgefallen, aber wundervoll ist es durchaus.
Mit ihren Haaren hält sie uns auf Abstand. Sie weiß vielleicht um des Menschen rohe Natur, der das Wilde zähmen möchte, der sich alles aneignen und zu Nutze machen möchte. Die Brennnessel hält ihn, hält uns, auf Distanz. Rot, wie der Planet Mars, dem sie zugeordnet ist, flaggt sie Gefahr und warnt uns vor übermütiger Übernutzen. Nesselgesellschaften der vergangenen Jahrhundertwende sind an ihr verzweifelt.
Nesselgesellschaften, das waren wohlmeinende Kaufleute, die sich der Pflanze vermeintlich freundlich nähern wollten, um sie als heimische Faserpflanze zu züchten und ihren märchenhaften Ruf, Prinzen und Prinzessinnen in geschmeidige Gewänder kleiden zu können, in die Tat umsetzen wollten. Weit gefehlt, sie widersetzt sich bis heute jedweder Idee der Kultivierung. Sie hält uns auf Abstand und sucht dennoch unsere Nähe. Sie ist ein Kosmopolit, der weltweit den Menschen begleitet und zwar dahin, wo er am liebsten nicht hinsieht. Sie suhlt sich in unseren Exkrementen, sie liebt unseren ausgeschiedenen Stickstoff. Um es plastisch drastisch zu formulieren: In Parkanlagen wächst sie genau da, wo Männer ihr Bier hinausurinieren.
Aber sie hält uns die Treue. Seit Jahrtausenden. Ägypter lobpreisen sie als Heilkraut, die Bibel verflucht sie als Plage, die Buddhisten verehren sie als Kraftquelle.
In Fürstengräbern finden sich Reste edlen Tuchs, gewebt aus den verborgen seidigen Fasern der Pflanze, Pferde glänzen wie der goldene Mond, wenn sie Brennnesselsamen im Futter finden und Wolle wechselt ihre Farbe beim Bad im Chlorophyl-Grün. Was für eine Welt tut sich da auf?
Wenn wir den Schock der Pusteln auf unserer verzärtelten Haut nicht so ernst nehmen, wenn wir das tagelange Taubheitsgefühl in den Fingern nach einer unsanften Brennnessel-Begegnung als Aufforderung verstehen, sich mit ihr zu befassen, dann öffnet sich eine Schatzkiste des Staunens.
Bleiben wir bei Haaren. Die Brennnessel ist Balsam für unsere Köpfe. Sie macht unsere Haare schlicht schön. Brennnesselsud mit Apfelessig vermögen es, aus stumpfen Grannen weich ondulierte Frisuren zu kreieren. Die Drogeriemärkte entdecken sie zunehmend und verkaufen uns Shampoos und Spülungen für teuer Geld, dabei wächst die Lösung des Bad Hair Day um die nächste Ecke.
Ihre Haare sind auch der Schlüssel zu ihren Geheimnissen, die sich in ihren Blättern verbergen. A, B, C, D, E – das ganze Alphabet an Vitaminen gemixt mit Mineralstoffen und den magisch klingenden Sesziterperenen ergibt bis heute kaum zu entschlüsselnde Rezeptur gegen alles, was eben brennt. Sie verrät sich nicht, sie ist verschwiegen und hält auch ihr Innerstes auf Abstand. Ihre Wirkung ist dagegen durchschlagend, und das nicht nur, wenn man sich mit ihr peitscht. Ja, richtig gehört. Peitschen mit Brennnesseln, das nennt sich Urtifikation und ist ein probates Mittel, die Durchblutung anzukurbeln. Das kann sich man sich leicht denken, vorstellen möchten sich das die wenigsten. Und doch hilft die Feuerprobe gegen brennende Gelenke, gegen Arthrose, gegen Gicht, gegen Rheuma.
Gegen Entzündungen ist sie als Kraut gewachsen. Sie züngelt mit grünem Feuer – wohl dem, der `s weiß.
Brennende Blase oder picklige Pubertätshaut – die Brennnessel kann ein Balsam sein. Sie lindert, indem sie mit Gleichem antwortet. Analogiezauber nennt man das.
Sie verfeuert übrigens auch Eisen, das ihr und vor allem uns zur Energie verhilft. Kaum eine Pflanze ist eisenreicher. Ihr Grün bildet rot. Rotes Blut. Blutkörperchen. Erste Hilfe gegen Eisenmangel. Ihre Samen sind Proteinbooster für Muskeljünglinge und Fitnessfrauen. Täglich im Müsli oder im Energieriegel – und der nächste Wettkampf kann kommen. Auf dem Marsfeld der Leistungsschau verhilft sie uns zu erstaunlicher Power. und Grün und rot, ein Farbenspiel, das lebensspendend ist. Sie vitalisiert uns von innen heraus. Sie verjüngt unser Blut und erfrischt unsere Nieren. Wie ein Wasserfall ergießt sich ihre Segnung in unseren Harntrakt, wir schwemmen aus, was uns vergiftet.
Müde Männer macht sie munter. Sie lässt uns neu füreinander ent-brennen. Sie wirkt auf die Prostata und als Liebeszauber. Wenn eine Jungfrau über Brennnesseln Wasser lässt und sie nicht welk werden, so hat sie ihre Unschuld noch. Brennnesseln sind enorm potent, sie ejakluieren ihre Samen mit halber Schallgeschwindigkeit durch die Welt. Brennnesseln reinigen uns wie die Luft ein Gewitter an einem Sommerabend. Kein Wunder, dass Gott Donar ihr Pate ist. Ursprünglich wegen der durch sie blitzartig hervorgerufenen Schmerzen durchzuckt ihre elektrisierende Kraft auch unsere unwissenden Körper. Und schenkt uns vielleicht einen Geistesblitz. Die gute alte Hildegard von Bingen empfiehlt zerstoßene Brennnessel in Öl auf Schläfen und Brust vor dem Schlafengehen gegen die Vergesslichkeit. Vielleicht bleibt sie uns so also in guter Erinnerung.
Wir erinnern uns dann vielleicht auch daran, dass unsere Großmutter nicht nur ihren Tastsinn auf unempfindsam stellte, sondern auch ihren Geruchssinn und die feine Städternase draußen vor den Toren bleibt, wenn es darum geht, Brennnesseljauche anzusetzen. Kaum etwas stinkt nach zwei Wochen so dermaßen wie Brennnesselblätter in Wasser und Wärme vergoren. Ein bestialisches Lüftchen, doch hilfreich und heilsam, nicht nur gegen Blattläuse. So pflanzenstark, dass Frankreich bis vor wenigen Jahren noch einen Kampf um die Jauche ausfocht, den Biobauern zum Gedeihen ihrer Feldfrucht mit der EU ausfochten, die lieber konventionelle Ackergifte versprüht hätte. Brennnesseljauche stärkt Obstbäume und macht ihre Pflanzenschwestern mutig und unbeugsam gegen Fressfeinde, gegen die sich die Brennnessel ja äußerst erfolgreich zur Wehr setzen kann. Sie gestattet statt dessen mehr als dreißig Falterarten ihre Weide. Sie hat keine augenfälligen Blüten, die ihr Äußeres lobpreisen. Sie wirkt im Verborgenen. Unter anderem unter der Erde, wo sie die Humusschicht befeuert.
Sie birgt noch ein weiteres Geheiminis. Sanft und seidig, ein unglaublicher, ein unglaublich schöner Widerspruch zu ihrem Äußeren, ist ihr Inneres. Ihr aufrechter Stängel beherbergt Fasern, die das feinste Gespinst sind, das wir uns vorstellen können. Doch wie so oft nun schon gehört. Vor den Ertrag, in dem wir Menschen so gern denken, hat die Brennnessel das Mühsal gesetzt. Eine Rotte von vielen Tagen und unfassbar viele Pflanzen, dazu Geduld und Hingabe sind nötig, um sie zu entkleiden und sie schutzlos zu machen. Ihre Fäden lassen sich zu feinstem Tuch verspinnen. Das wußten schon die Kelten. Das mochten die Römer. Das lobpreisten die Griechen. Das erzählt uns Andersen.
Brich die Nesseln mit Deinen Füßen, so erhältst Du Flachs; aus diesem mußt Du elf Panzerhemden mit langen Aermeln flechten und binden; wirf diese über die elf Schwäne, so ist der Zauber gelöst.
Mit Blasen an den Fingern, schweigend, allein und angstvoll verwebt die Königstochter Faser für Faser für die Hemden ihrer in Schwäne verwandelten Brüder. Ein Bild, dass der Nessel anhaftet wie eine Klette. Mühsal, Abwehr, Widerstand, Pein und Qual. Die Kunstgeschichte sendet Engel mit lodernder Brennnesselflamme, Hexen der Renaissance erhalten sie als Attribut und Jean d´Arc wird im Nesselhemd aufs Schafott geführt.
Nichts Zartes wird ihr angedichtet. Sie steht für den Kampf. Kämpferisch brechen wir daher hier eine Lanze für das Kraut und holen sie in unser Innerstes. Wir vergegenwärtigen uns ihre Kraft und verinnerlichen uns ihre Power. Wir nutzen sie im Kochtopf und der Rührschüssel, lobpreisen die Neunkräutersuppe und den Smoothie.
Wir verbacken sie als wunderbar weich schmeckende spinatähliche Tarte und trinken ihre Blätter als herbe Fusion, die aus unerfindlichen Gründen an wogende Kornfelder und warmen Sommerregen denken lässt Wir feiern sie ab als Chips und Bier. Wir lesen die Zeilen im Buch Mose, in dem der Acker Dornen und Disteln trägt und das Kraut, und mutmaßlich ist die Brennnessel gemeint, vom Felde gegessen werde. Wir befolgen den biblischen Schöpfungsrat und verwandeln die vermeintliche Plage in einen Segen.
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